Protokoll einer Reise um den Changai
Reisebeginn
Eigentlich ist es geplant, die Reise mit zwei russischen UAS zu starten.
Das Begleitfahrzeug fällt jedoch aus, da der Japaner, der mit uns die Reise
durchführen wollte, doch eine andere Tour fahren möchte. Bei der Vorbereitung
ergibt sich ein zweites Problem: die russischen Benzinlieferungen werden kurzfritig
eingestellt, ein Anstieg des Rohölpreises hat dazu geführt, dass man das Öl
anderweitig veräußert und die Lieferverträge sind damit nur noch Papier. Für
uns spitzt sich die Situation zu, da der Literpreis auf 2 DEM steigt, was
bei einem geplanten Bedarf von etwa 600 Litern die Fahrt mit einem Begleitahrzeug
ohne Mitfinanzierer nicht mehr zulässt. Also brechen wir allein auf, mit dem
etwas unguten Gefühl, ob es "draußen" überhaupt noch Benzin gibt.
Außerdem können wir die geplante Route über die Süd-West-Gobi nicht wählen,
da man sich dort ohne Begleitfahrzeug nicht bewegen sollte.
Dieser Abschnitt läßt sich relativ schnell bewältigen, da man sich hier
überwiegend auf Asphalt bewegt. Allerdings hat die Straße im Vergleich zu
den Vorjahren stark gelitten und nähert sich stellenweise dem Verfall. Ganz
anders sieht es auf den letzten Kilometern vor Karakorum aus, hier ist eine
neue Strasse gebaut worden, die ohne Makel das Gelände durchzieht. Zur Freude
der vorwiegend japanischen Touristen, die gern mal für ein paar Stunden nach
Karakorum fahren.
Zu unserem Erstaunen setzt sich nachdem wir den "Touristentrubel"
von Karakorum
hinter uns gelassen haben, der Erddamm einer neuen Straßentrasse fort.
Es ist ein Teil der neuen mongolischen Ost-West-Verbindung die in den nächsten
Jahren entstehen wird. Während unserer Fahrt am östlichen Fuß des Changai
in nord-westlicher Richtung setzt Regen ein und die Temperaturen der vergangenen
Tage von fast 40 °C fallen auf magere 20 °C.
Karakorum – Khorgo
Das landschaftlich ausgesprochen schöne Khorgo Naturschutzgebiet kündigt
sich mit einem Flussbett
an, das sich scharf in die Steppe eingeschnitten hat. Die Straße quert
diesen Fluss, der dann urplötzlich im Gelände verschwindet. Die Erklärung
dafür ist die Tatsache, dass das schnell fließende Wassser schon nach
wenigen hundert Metern einen etwa 30 Meter tiefen und sehr steilen Cañon
gebildet hat.
Einige Kilometer weiter erreicht die Piste noch einmal den Rand des Cañon,
der hier schon mindestens 80 Meter tief sein muss. Von oben sieht man auf
das glasklare
Wasser, das manchmal tosend über eine Schwelle stürzt und dann wieder
in großen, tiefen Becken fast zum Stillstand kommt. Die Steilhänge sind
überwiegend mit Lärchen bewachsen, die sich förmlich in die Felsen krallen.
Neben dem erloschenen Vulkan bildet der Terchin
Zaagan Nuur das Zentrum des Khorgo-Naturschutzgebietes.
Der See ist etwa 30 Kilometer lang und liegt vor der Kulisse eines 3'000 Meter
hohen baumlosen Gebirgszuges, während die Berge im Rücken von dichter Taiga
bewaldet sind. Ein idealer Campplatz am Ufer des Sees lässt uns zu dem Entschluss
kommen, hier für zwei Tage zu bleiben.
Über Nacht schiebt sich eine Regenfront von Osten auf die Hochebene
und schüttet stundenlang Wasser aus. Damit hat die Regenzeit endgültig begonnen
und es ist nicht zu erwarten, dass in dieser "Wetterecke" in den nächsten
Tagen Sonnenschein zurückkehrt.
Die Wellen am See schlagen "ostsee"-hoch und am Nachmittag des nächsten
Tages nutzen wir eine Regenpause zum Packen. Wir wollen schnell den 2'600
Meter hohen Solongot
Pass überwinden, bevor diese sowieso schon schwierige
Piste von den Regenfällen aufgeweicht ist. Außerdem wird von den Wolkenmassen
nur ein Teil den Weg über den Changai zurücklegen und damit ist westlich des
Gebirges trockeneres Wetter zu erwarten.
Ich Uul – Tosonzengel
Während unserer Fahrt treffen wir immer wieder auf im Bau befindliche Teilstücke
eines neuen Straßenkörpers, der schon erwähnten neuen Trasse. Teilweise
weicht diese bis zu 30 Kilometer von der jetzigen Naturpiste ab. Bei Ich Uul
wählt sie zum Beispiel ein anderes Tal, da das aber landschaftlich bedeutend
interessanter is,t wird das den späteren Nutzer freuen.
Bei Tosonzengel ändert sich auch die Vegetation. Die ersten für die Westgobi
bekannten Pflanzen tauchen auf. Die für die Mongolei so typische Nord-Südseiten-Bergvegetation
ist hier besonders ausgeprägt. Vor allem wenn man lange Täler in Ost-West-Richtung
durchfährt, hat man auf der einen Seite immer die südorientierten Berghänge
mit ausgeprägten Trocken- und Wüstenpflanzen im Blick, während auf der Gegenseite
die Nordhänge mit dichter Taiga eher an Norwegen erinnern.
Der erste Teil dieser Stecke verläuft über brettflaches Gelände in einem
ausgesprochenem Trockengebiet,
auch jetzt fällt hier kein Regen. Man kommt in diesem Gelände sehr schnell
voran und kann auf der Naturpiste auch gut und gerne mal 90 km/h fahren. Kleinere
Sandgebiete sind die Ableger der etwa 20 Kilometer westlich der Trasse beginnenden
Flugsandfelder. Im zweiten Teil der Strecke geht es aber wieder zurück in
den Changai
und damit auf mühselige Passtrassen oder besser -wege.
Uliastai
ist sicher in Hinblick auf seine landschaftliche Lage betrachtet die interssanteste
Bezirksstadt der Mongolei. Die Stadt selbst liegt inmitten von 3'000 Meter
hohen Bergen
in einem Flusstal.
Es sind nur 50 Kilometer zum Otgon Tenger, den mit 4'021 Metern und von
Schnee gekröntem Haupt des Changai und in entgegengesetzter Richtung erreicht
man nach kaum 40 Kilometern den Mongol-Els, eines der größten Sandünengebiete
der Mongolei.
Von Uliastai geht es zunächst auf schmalen, aber halbwegs instand gehaltenen
Wegen auf Hochweiden
mit Tundravegetation, lichten Lärchenwäldern und ausgedehnten Sümpfen. Aber
hier enden auch alle Wege. Wir versuchen durch Abschreiten einen Weg durch
Sumpf und Tundragestüpp zu finden. Nach kurzem müssen wir feststellen, dass
es ein sinnloser Versuch ist, so an den Fuß des Otgon Tenger zu gelangen.
Wir "fahren" zurück zur letzten Jurte
und wollen uns Pferde
organisieren.
Zunächst werden wir von den Bewohnern
mit etwas Zurückhaltung empfangen,
denn der Berg gilt als heilig und von der Idee auf einen Berg zu klettern,
halten Mongolen im allgemeinen sowieso nicht viel, denn da oben gibt es ja
eh nichts und fotografieren lassen kann man sich ja viel schöner mit dem Berg
im Hintergrund.
Da der Alltag
eines Nomaden
unter den rauhen Bedingungen
des mongolishen Alltages davon bestimmt wird, nur Dinge zu tun, die einen Nutzen
erbringen und ihm der lange Winter eine vielzahl extremer Abenteuer bereithält,
ist diese Einstellung völlig verständlich. Nach einem langen gemeinsamen Abend
und einigen Flaschen Rotwein aus unseren Beständen sind sie dann doch noch bereit,
uns zu helfen. Zudem haben sie natürlich Spaß daran, gerade den Leuten aus UB
zu beweisen, das sie die Regeln der Marktwirtscht beherrschen, indem jetzt intensiv
über den Preis der Dienstleistung verhandelt wird, zum anderen hat sie auch ein
gewisser Ehrgeiz ergriffen, wenn wir gerade mit ihrer Hilfe das Unternehmen durchführen,
denn von dieser Seite, das heißt der Westseite, ist schon seit Jahren niemand
mehr auf den Berg gekommen.
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Zum Otgon Tenger?
Am nächsten Vormittag wird das Gepäck zusammen gestellt und die geeigneten Pferde
werden bei verschiedenen Familien zusammen gesucht. Während dessen verschlechtert
sich das Wetter
und kurze starke Regen peitschen gegen das Zelt. Das bedeutet verschieben auf
den nächsten Tag.
Die Nacht wird verdammt kalt und die durchnässten Sachen beginnen zu gefrieren.
Der nächste Morgen
präsentiert sich zwar in einem fantastischen Licht, aber das Wetter ist wieder
wechselhaft. Wir wägen alle Argumente ab und entschließen uns, nur einen Tagesauflug
mit den Pferden zu unternehmen. Größtes Problem bei einer Tour zum Otgon Tenger
ist, dass wir mehrere Flussdurchquerungen
vor uns haben und dabei es nicht sicher ist, dass das Gepäck immer trocken bleibt.
Bei diesem Wetter bedeutet das, es nicht mehr trocken zu bekommen. Außerdem sind
vier Tage auf dem Pferderücken bei kaltem Regen kein Spaß. Also wählen wir uns
als Ziel einen näher gelegenen Bergrücken, der bis weit an den Gipfel zu Pferde
bewältigt werden kann.
Reitausflug
Stundenlang geht es immer quer zum Steilhang
nach oben und die Aussicht wird immer besser und die Stimmung ist gewaltig. Meist
ist der Blick auf den Otgon Tenger frei.
Wie Ziegen klettern die gut ausgewählten Pferde
unablässig nach oben. Gut 200 Höhenmeter unter dem Gipfel ist aber Schluss.
Von hier ab läuft nicht mal mehr ein mongolisches "Gebirgspferd". Was den uns
begleitenden Araten gar nicht gefällt, denn ein Mongole vom Lande läuft eigentlich
nie. Wir erreichen den Gipfel
dennoch gemeinsam nach einer kurzen Kletterei und kochen uns beim schönsten Sonnenwetter
eine Suppe.
Als wir uns gerade daran machen, die Köstlichkeit aufzuteilen, verdunkelt sich
im Westen der Himmel. Nach fünf Minuten sitzen wir unter Felsvorsprüngen in einem
Schneegewitter. Binnen kurzem verschwinden die Blüten der wunderschönen alpinen
Pflanzen unter einer weißen Decke. Als nach fast einer Stunde die Sonne wieder
die Herrschaft übernommen hat, beginnt die Schneedecke sofort wieder zu tauen.
Beim Abstieg werden wir noch zweimal vom Eisregen getroffen, bis wir das trockene
Zelt erreichen.
Otgon Tenger – Mongol Els
Am nächsten Mittag verlassen wir die Nomaden
auf der Hochweide,
nicht ohne die obligatorische Fotosession,
wo jeder mindestens mit jedem einmal in Ehrenhaltung abgelichtet werden muss.
Der Rückweg nach Uliastai geht diesmal ziemlich schnell und von dort fahren
wir gleich weiter die knapp 40 Kilometer zum Mongol
Els. Wir erreichen noch den Rand
dieses riesigen Sanddünengebietes
und bauen unser Zelt auf.
Am nächsten Morgen ist es bereits nach kurzem heiß und luftig, so dass alles,
was in den letzten Tagen nass geworden ist, innerhalb weniger Minuten salz-trocken
wird. Wir fahren einige Kilometer in die Sanddünen hinein und liegen in der Sonne
im warmen goldenen Sand.
Das ist das eigentlich einmalige an dieser Landschaft:
das unmittelbare Zusammentreffen der Taiga
mit den Sanddünen
der Gobiausläufer. Es gibt hier sogar eine Stelle, an der die Sanddünen in den
Lärchenwald mit Moos und Pilzen ausstreichen. Der Mongol Els selbst ist eine Landschaft
aus Fels, der von glänzendem Wüstenlack
überzogen ist, Flüssen, die sich nach und nach im Boden verlieren, Dornenpflanzen
und natürlich goldgelben Sanddünen.
Mongol Els – Bajanchongor
Am Abend verlassen wir die Wüstenlandschaft und tauchen wieder ein in die grünen
Berge, den Changai. Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichen wir in 2'500 Meter
Höhe einen See
in völlig baum- und strauchloser Hochsteppe. Der Wind hat Sturmstärke erreicht
und die Wellen tragen Schaumkronen. Das aufgewühlte nährstoffreiche Wasser dieses
Sees birgt eine Vielzahl kleiner und großer Fische, was durch die Anwesenheit
von unzähligen Möwen belegt wird. Eigentlich ein idealer Campplatz, aber der Sturm,
passt so gar nicht dazu.
Wir wollen bis zum Einbruch der völligen Dunkelheit noch ein geschütztes Tal
aufsuchen, aber es kommt wie es kommen musste; wir befinden uns auf einem Hochplateau
und hinter jedem Owoo geht es nur in die nächste Hochebene. Der Höhenmesser pegelt
sich zwischen 2'300 und 2'900 Metern ein und die Temperatur und der Wind sind
recht ungemütlich. Im Dämmerlicht machen wir eine Felsformation aus, die einige
windgeschützte Nischen verheißt. Dort gelingt es uns, mit Mühe wenigstens ein
kleines Zelt zum stehen zu bringen.
Am nächsten Morgen sieht es nicht viel besser aus, und wir sind froh, als wir
nach einigen Stunden wieder am Fuß des Changai stehen. Die nächsten hundert Kilometer
bis Bajanchongor führen durch eine Halbwüstenlandschaft,
die uns schon mit reichlich Sand im Wind empfängt. In der Mittagssonne
wird es auch trotz des Sturmes gemütlich warm.
Bajanchongor – Arwaicheer
Als wir Bajanchongor erreichen, ist es schon spät am Nachmittag und wegen des
Sturmes ist kaum ein Mensch auf den Straßen. Wir suchen eine Kneipe an der Hauptstraße
auf, und trinken ein paar Bier um dem ständigen Windgeheul ein paar Minuten zu
entgehen.
An den Campplatz
für heute haben wir nur eine Anforderung windgeschützt. Als wir ungefähr
50 Kilometer weiter Richtung süd-ost und wieder in den südlichen Ausläufern des
Changai sind, finden wir das, was wir suchen: ein nahezu windstilles Tal mit Felsen,
Wüstengestrüpp und einem Bach in der Nähe, also urgemütlich. Es wird sogar noch
so windstill, dass man wieder ein Lagerfeuer entzünden kann.
Der nächste Tag führt weitestgehend durch Federgrassteppen,
wie man sie eigentlich nur in der Ostmongolei findet. Hier sind auch praktisch
keine Jurten und kein Vieh zu finden. Langsam verschwinden auch die Berge des
Changai aus
dem Blick, die uns fast drei Wochen begleitet haben.
Arwaicheer, das wir dann erreichen, liegt zwar am Fuße des Changai, aber man
nimmt das Gebirge hier nicht mehr wahr. Das ist auch das sichere Zeichen dafür,
dass diese wunderbare Tour zu Ende geht.
Arwaicheer – Ulaanbaatar
Bis zum Abend erreichen wir noch die Straßenkreuzung
zum Karakorum-Highway. In dem anschließenden Tal bauen wir unseren letzten Lagerplatz.
Dieser Ort wird von Tourismusmanagern auch "Kleine Gobi" genannt. Tatsächlich
erinnert einiges hier an den Gobi-Altai: es gibt ein mehrere Quadratkilometer
großes Sandfeld, Sumpf, Kameldorn und die umliegenden felsigen Berge leuchten
in Farben, wie sie sonst nur der Gobi-Altai bereit hält. Aber es ist nur optisch
mit der Gobi vergleichbar, da der Eindruck radikal gestört wird, durch eine Asphaltstraße
mit Rastplatz und Bierbuden, fünf Touristencamps und einer Unmenge von Weidevieh.
Außerdem sind die Berge in der Gobi ungleich höher und farbenreicher, die Sanddünen
nicht zehn, sondern zweihundert Meter hoch und Japaner selten.
Die kleine Gobi ist nämlich extra für die Kurzreisenden aus Fernost erfunden
worden, da man in knapp acht Stunden auf der Asphaltstraße Ulaanbaatar erreicht.
Der Sonnenuntergang
ist aber nichts desto trotz einmal mehr ein Naturschauspiel, dass man in Ulaanbaatar
so nicht mehr erleben kann. Bis dahin sind es nur 250 Kilometer, für mongolische
Verhältnisse keine Entfernung, aber eine völlig andere Welt.
Jens Geu
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